Das Landschaftsbüro Planorama erstellt derzeit Entwürfe, wie die archäologischen Funde in den geplanten Rheinboulevard integriert werden können. Dieser Entwurf zeigt einen in die Stufenanlage eingelassenen Schinkenkessel (Bild: Planorama)

Der große Saal des Bürgerzentrums in Deutz muss zeitweise wegen Überfüllung geschlossen werden. In abgestandener Luft, mit einem Kölsch in der Hand, verfolgen rund 180 Interessierte einen Vortrag von Professor Heinz Günter Horn. Kaum hat er geendet, machen sie ihrem Zorn Luft. Wie die Keimzelle von Deutz zur Keimzelle eines Streits wurde.

Unter dem etwas pathetischen Titel: „Das Deutzer Kastell Divitia – Vom Werden und Sein des rechtsrheinischen Kölns“ erklärt der Archäologe Heinz Günter Horn den Zuhörern im Bürgerzentrum Deutz mithilfe von Power-Point-Folien fast zwei Stunden lang die Bedeutung archäologischer Funde am rechten Rheinufer.

In der anschließenden Fragerunde geht es dann aber nur noch wenig um Archäologie. Stattdessen wollen die Bürger ihrem Ärger Luft machen: „Hat die Stadt geschlafen, Herr Professor Horn?“, ruft ein älterer Herr in den Raum und erntet Applaus.

Um zu verstehen, was die Stadt “verschlafen” haben soll, muss man zwei Jahre zurückspulen. Im Zuge von Bauarbeiten für den geplanten Rheinboulevard, einem Prestigeprojekt zur Neugestaltung des rechten Rheinufers, stoßen Archäologen im Sommer 2010 an der Deutzer Brücke auf bemerkenswerte Funde: Reste des römischen Kastells Divitia, das Fundament einer Kirche, eines mittelalterlichen Wehrturms und eine Drehscheibe der Bergisch-Märkischen Eisenbahn aus dem 19. Jahrhundert.

Für Archäologiebegeisterte sind die Ausgrabungen wahre Schätze, für die Stadtplaner jedoch eine große Herausforderung. Denn die archäologische Zone an der Urbanstraße liegt direkt auf dem Gebiet des geplanten Rheinboulevards und vor dem ehemaligen Lufthansa-Hochhaus an der Deutzer Brücke. Das Hochhaus wird zu diesem Zeitpunkt bereits von dem Baukonzern Hochtief saniert, es soll ab 2013 Hauptsitz des Chemiekonzerns Lanxess werden.

An der Ausgrabungsstelle wünschen sich viele Bürger einen “historischen Park”, die Stadt will an ihrem Prestigeprojekt Rheinboulevard festhalten und das Unternehmen Lanxess eine möglichst barrierefreie Zufahrt zum neuen Bürogebäude. Um die verschiedenen Interessen auszuloten, findet von Juli bis Dezember 2011 ein mehrstufiges Moderationsverfahren statt. Stadtplaner, Historiker, Denkmalpfleger, Politiker und Bürger diskutieren, wie die archäologischen Funde konserviert und in die Gestaltung des zukünftigen Rheinboulevards aufgenommen werden können. „Die Keimzelle von Deutz“, wie das römische Kastell Divitia von Historikern genannt wird, wird zur Keimzelle eines Streits: Erst bei der letzten Sitzung des Moderationsverfahrens im Dezember 2011 erfahren die Bürger, dass die Stadt Köln einen Bauantrag von Hochtief genehmigt hat, der die Zufahrtswege zum Firmensitz von Lanxess durch das Gebiet der archäologischen Zone führt. Viele Bürger sind daraufhin so verärgert, dass sie die letzte Sitzung des Moderationsverfahrens am liebsten abgebrochen hätten.

Hochtief rechnet in einem Gutachten mit rund 1200 Fahrten von Mitarbeitern und Besuchern zum Lanxess-Hochhaus – am Tag. Noch nicht mitgerechnet sind der Lieferverkehr und die Fahrten zu den Gebäuden in der unmittelbaren Nachbarschaft, unter anderem einem Altenheim und einer Kirche. Für viele unverständlich ist da, dass der Tunnel unter der Deutzer Brücke erst Ende 2010 von vier Metern auf zweieinhalb Meter Höhe abgesenkt worden war. So ist er für Lieferfahrzeuge nicht mehr befahrbar.

Eine Zuhörerin regt sich auf (Foto: S. Salzburger)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bürger sind wegen der Verkehrsplanung verärgert:

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Fragt man Anne Luise Müller, die Leiterin des Stadtplanungsamtes, nach einem Grund für den Tunnelumbau, erklärt sie: “Diese Art der Erschließung ist nicht mehr zeitgemäß gewesen.”

Die Folge des Tunnelumbaus: Der Verkehr wird über eine Straße geführt — mitten durch den möglichen historischen Park. Für viele ist das eine unzumutbare Vorstellung. Die aufgebrachten Kölner haben sich zusammengeschlossen. Was einmal als Bürgerinitiative begann, heißt heute „Förderverein  Historischer Park Deutz“. Ihr Vorsitzender Thomas-Georg Tremblau hält alle Ergebnisse des Moderationsverfahrens für hinfällig, wenn die Hauptzufahrtswege zum Lanxess-Gebäude tatsächlich durch die archäologische Zone führen sollten. “Wenn täglich mehr als 1200 Fahrzeuge durch die Zone fahren, kann kein musealer Charakter entstehen”, so die Meinung des Fördervereins. Tremblau spricht vom „Tod des historischen Parks.“ Für viele sieht es so aus, als habe die Stadt die Pläne zur Verkehrsführung bewusst zurückgehalten, um die Diskussion mit den Bürgern nicht weiter zu verschärfen.

Am Ort des Geschehens: Thomas-Georg Tremblau an der Deutzer Brücke (Foto: S. Salzburger)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas-Georg Tremblau ärgert sich über die Informationspolitik der Stadt:

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Diesen Vorwurf weist Anne Luise Müller, die Leiterin des Stadtplanungsamtes zurück:

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Anne Luise Müller, Leiterin des Stadtplanungsamtes

(Foto: S. Salzburger)

Eigentlich sollte der Rat der Stadt Köln im Sommer 2012 über einen Entwurf zum historischen Park Deutz abstimmen. Es wird aber immer noch über die Ausgestaltung des Parks und die Verkehrsführung diskutiert. Dass die Autos nicht ganz von den archäologischen Funden ferngehalten werden können, gilt als sicher. Mit einer Entscheidung im Rat wird frühestens im November gerechnet.

 

 

Der Konflikt um den historischen Park Deutz: Klicken Sie auf das erste Bild, um die Fotostrecke zu starten: