Es ist ein echter Zankapfel: das Einkaufszentrum Kalk Arcaden. Seit 2005 steht es auf dem ehemaligen Gelände der Chemischen Fabrik Kalk, direkt an der Kalker Hauptstraße. Den angestammten Geschäftsleuten bereiten Umsatzeinbußen und immer mehr Billigläden Kopfzerbrechen. Dirk Kranefuss, Geschäftsführer der StandortGemeinschaft Kalk e.V., erklärt im Interview, wo er Risiken und Chancen für die Kalker Hauptstraße sieht.

Dirk Kranefuss war früher Geschäftsführer des Kaufhofs in der Kalker Hauptstraße, heute engagiert er sich in der StandortGemeinschaft (Foto: Patzwald)

 

Angestammte Geschäfte verschwinden von der Kalker Hauptstraße. Im Juni hat auch noch der Kaufhof seine Türen geschlossen – wie macht sich das bemerkbar?

Auswirkungen sind noch nicht direkt spürbar, auch nicht in Umsätzen. Aber ohne Kaufhof wird Sogkraft zur Kalker Hauptstraße fehlen. Der Kaufhof musste schließen, weil er nicht mehr in das Konzept des Mutterkonzerns passte. Die Köln Arcaden haben die Entscheidung aber sicher beschleunigt.

 

Worin genau liegt das Problem mit den Köln Arcaden?

Durch das Einkaufszentrum ist mehr als das Doppelte an Einkaufsfläche zur Kalker Hauptstraße hinzu gekommen. Das war natürlich ein schwerer Schlag für die Geschäftsleute auf der Kalker Hauptstraße. Durch die Arcaden haben sie rund 40 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt. Das hat insgesamt zu einem Abschwung der Straße geführt. Der, das muss man aber dazu sagen, sowieso gekommen wäre, aber nicht so schnell.

 

Was sind denn, neben den Arcaden, weitere Gründe für den Abwärtstrend der Straße?

Im Jahr 1994 hat die Chemische Fabrik Kalk geschlossen und 10.000 Arbeitnehmer standen auf der Straße. Dadurch ging immens viel Kaufkraft im Stadtviertel verloren. Und den Geschäften, die, wie der Kaufhof, in den 70er Jahren besonders geblüht haben, ging es deutlich schlechter.

 

Wie muss man sich die besseren Zeiten der Kalker Hauptstraße vorstellen?

Kalk war um 1900 der reichste Industriestandort im Rheinland und die Kalker Hauptstraße ihre alte Einkaufsstraße. Es gab sehr große Industrien hier, wie Klöckner Humboldt Deutz, die Chemische Fabrik Kalk und es waren eine Menge Arbeitnehmer hier – ich schätze es waren damals über 20.000. Es gab Herrenausstatter, Damen- und Herrenmode, Eisenwaren und Radiogeschäfte.

Die StandortGemeinschaft gibt es seit Ende 2006. Sie ist ein Zusammenschluss von Geschäftsinhabern und Eigentümern, auch die Arcaden gehören mittlerweile dazu (Foto: Patzwald)

 

Und wie sieht es heute auf der Straße aus?

Noch gibt es eigentlich eine gute Mischung an Geschäften, aber es sind zu viele Bäckereifilialen, Handygeschäfte und Ein-Euro-Shops da. Und das ist etwas, was die alten Kalker und die Einkaufssuchenden nicht so freut. Die wünschen sich mehr Lebensmittelgeschäfte, Mode und Gastronomie. Auch die Herrenausstatter von einst gibt es nicht mehr, dafür ist die Innenstadt zu nah und in den Arcaden ein zu großes Angebot vorhanden.

 

Gibt es Probleme zwischen den angestammten und den neuen Geschäftsleuten?

Eigentlich nicht. Türken und Italiener machen heute neben anderen Nationalitäten ungefähr den halben Einzelhandel auf der Kalker Hauptstraße aus. Wir hätten gerne weiter eine gute Mischung, was die Geschäfte angeht. In der Standortgemeinschaft engagieren sich rund ein Drittel Mitglieder mit ausländischem Hintergrund und im Vorstand ist die Hälfte der Mitglieder Türken. In der Geschäftswelt haben wir keine Probleme, Türken und Deutsche, die geschäftlich miteinander arbeiten, ticken gleich. Ein Risiko wäre allerdings eine Entwicklung wie in Duisburg-Marxloh. Da stehen zu viele Geschäfte nebeneinander, die sich nur an eine Zielgruppe richten. Ich hoffe, dass hier eine ordentliche und gute Mischung bleibt.

 

Und wie sieht es mit der Kaufkraft aus?

Das ist ein Problem. Hier leben viele Niedriglöhner und Hartz-IV-Empfänger. Eine weitere Gentrifizierung wäre gut. Wir wollen irgendwann eine Ehrenfeldisierung haben, dass also praktisch die Kalker Hauptstraße und die Umgebung eine ähnlich beliebte Wohn- und Geschäftsgegend werden.

 

Und wie wollen Sie das erreichen?

Der wirtschaftliche Abschwung hat auch zu niedrigeren Mietpreisen geführt, und das ist heute unser größte Pluspunkt. Geringe Mieten wirken attraktiv auf junge Leute. Wir hoffen, dass junge und kreative Menschen hier Geschäfte eröffnen und damit noch weitere anziehen. Um das zu erreichen, erstellen wir für die Eigentümer ein Nachfrageangebot. Viele arbeiten aber auch mit Maklern, die dann die Vorgabe haben, nur höher wertige Läden zu nehmen. Wenn sie aber keine Abnehmer finden, nehmen die Eigentümer, wen sie bekommen können.

 

“Der Einzelhandel in den Nebenstraßen ist fast völlig zum Erliegen gekommen.” (Foto: Patzwald)

Und was können die Geschäftsleute selbst gegen die steigende Billigkonkurrenz unternehmen?

Die Bäckerei Schlechtrimen hatte beispielsweise durch die vielen Backshops und die Backstationen bei Aldi und Lidl hohe Verluste. Da hat sich Bäcker Engelbert Schlechtrimen auf Slow Baking spezialisiert und sich durch so eine Spezialisierung eine Nische erhalten.

 

 

 

Und was kann die StandortGemeinschaft Kalk e.V. tun?

Wir wollen einen Quartiershausmeister für Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung anstellen. Graffitibeseitigung gehört dazu und die Förderung der Weihnachtsbeleuchtung. Wir wollen außerdem die Außengastronomie erweitern, sodass wir mediterranes Flair bekommen. So soll ein anderes Lebensgefühl auf der Kalker Hauptstraße entstehen. Ähnlich wie in Nippes.

 

Auf dem Weg zu einer gesetzlichen Immobilien- und Standortgemeinschaft

Die StandortGemeinschaft Kalk e.V. ist momentan dabei, eine Immobilien- und Standortgemeinschaft zu gründen. Die Idee stammt aus Nordamerika. Händler kümmern sich dabei selbst um die Aufwertung ihrer Umgebung. Auf der Kalker Hauptstraße kosten die geplanten Maßnahmen für drei Jahre 300.000 Euro.  Am Jahresende wollen sie mit allen Inhabern darüber abstimmen, ob es diese ISG geben wird. Stimmen 25 Prozent dagegen, scheitert die Gründung.