Das Team der Kalkschmiede: Susanne Stübben, Charlotte Selter und Enes Biyik (Foto: Kalkschmiede)

Wohndialog, Kalk tauscht, Bildungsatlas: Die drei Mitarbeiter der Kalkschmiede haben sich viel vorgenommen. Das ambitionierte Projekt der Stiftung Urbane Räume gAG gibt es seit September 2009. Im Dezember dieses Jahres endet es. Im Interview zieht Charlotte Selter eine erste Bilanz.

Was war das erfolgreichste Projekt der Kalkschmiede?

Erfolgreich war „Kalk tauscht“, das war nah an den Bewohnern. Man konnte das Projekt auch schnell umsetzen. Die Menschen haben gesehen, dass wir zuhören und andere Akteure einbeziehen. Beim „Wohndialog“ kommen Vertreter der Wohnungswirtschaft als Partner an einen Tisch, ohne städtische Führung – das ist auch ein Erfolg. Die GAG hat einen brach liegenden Spielplatz zu einem Gartenklub für Kinder umgewandelt. Die Deutsche Annington hat jetzt sogar ein Büro hier in Kalk-Nord mit zwei Hausmeistern eingerichtet und ihre Müllsammelstellen auf unsere Anregung hin erneuert. Außerdem hat der Wohndialog mit dem Veedelshausmeister Andreas Breil einen echten Kümmerer eingesetzt. Was für einige Bewohner auch sehr wichtig war: Sie hatten durch verschiedene Veranstaltungen und auch durch die Bewohnerbefragung Gelegenheit, ihren Vermietern gegenüber Meinungen und Wünsche zu äußern.

Was bleibt denn von den Projekten, wenn Sie gehen?

Vor allem der Veedelshausmeister. Seine Bezahlung ist bis Ende März 2014 gesichert. Wir hoffen, dass der Wohndialog ihn noch weiter trägt. Wir denken, dass der Wohndialog sich auch weiter treffen wird. Es gibt auch Interessenten für die Weiterführung des Projektes „Kalk tauscht“. Wir hoffen, dass die Energie, die wir hier reingesteckt haben, bleibt. Gerade stellen wir ein integriertes Handlungskonzept auf. Wir wollen mit den sozialen Trägern und engagierten Menschen festlegen, was wichtig für eine positive Entwicklung in Kalk Nord sein könnte: Eine Stelle für Gemeinwesenarbeit, die Verbesserung des Wohnumfelds, die Frage, was mit Schulgelände passiert, evtl. könnte eine Stadtteilschule oder Jugendhilfeeinrichtung ihren Platz finden.

Im welches Projekt haben Sie am meisten Herzblut gesteckt?

Ich bin vor allem bei den Projekten Wohndialog und dem integriertem Handlungskonzept dabei. Daher steckt dort für mich das meiste Herzblut. Sehr froh sind wir über den Veedelshausmeister. Er zeigt am deutlichsten, dass wir wirklich etwas bewegt haben. Ein anderes Thema, das wir zwar eher im Hintergrund begleiten, ist der Zuzug von Menschen aus Rumänien und Bulgarien. Sie leben hier teilweise in prekären Verhältnissen und die Nachbarschaft gestaltet sich schwierig. Die Wirkungszusammenhänge sind komplex und viele Sozialberatungsstellen etwas ratlos. Um erste Lösungsideen zu finden, auch für andere Städte, haben wir eine kurze Studie beauftragt, die demnächst veröffentlicht wird.

Was macht den viel zitierten Veedelshausmeister so wichtig?

Die Menschen wissen oft nicht, wo sie eine Beratung kriegen. Sein Job ist, die Menschen anzusprechen, wenn sie aus dem Fenster schauen oder auf der Straße unterwegs sind. Diese direkte Ansprache ist sehr wichtig und kann sonst keiner leisten. Wir haben sehr positive Rückmeldungen, vor allem auch weil er schon so lange hier im Viertel wohnt. Wir haben ihn als Veedels-Kümmerer angekündigt. Dieses Wort hören wir auch in den Rückmeldungen. Er hat zum Beispiel den Anstoß gegeben, dass Leute Baumscheiben im Viertel verschönern. Es ist wichtig in diesem Viertel, dass jemand da ist, der den ersten Schritt macht.

Ist die Projektzeit der Kalkschmiede nicht zu kurz?

Es ist eine zivilgesellschaftliche Initiative. Man könnte das Projekt länger machen, das ist aber eine Frage der Finanzierung. Wir hatten die Chance, etwas aufzuwirbeln und zu bewegen in den fast vier Jahren. Die Kalkschmiede war als Impulsgeber gedacht und so kommuniziert. Es wäre ein falsches Signal, wenn wir jetzt doch länger bleiben würden.

Was sind die Probleme des Stadtteils?

Bildung ist ein großes Problem, das betrifft nicht nur die Schulabschlüsse, sondern auch den nicht gedeckten Jugendhilfe-Bedarf. Der „Pavillon“ macht gute Arbeit, ist aber viel zu klein für die vielen Jugendlichen. Ein anderes Problem: Es gibt keinen engagierten Kern, wie in anderen Stadtteilen, zum Beispiel in Mühlheim Nord. Dort gibt es zehn bis 30 Leute, die sagen „das könnt ihr nicht mit uns machen!“, z.B. wenn Wohnungen verfallen, oder ein riesiges Gebäude mit Potenzial nicht genutzt wird. Für die Kalker Hauptstraße gibt es die Leute, hier im Kalker Norden gibt es sie aber nicht. Leute, die in die Bürgerversammlung gehen und Jugendhilfe einfordern. Es gibt keine Stimme, die formuliert, was gebraucht wird, keine aktive Nachbarschaft. Der Kalker Norden wird ein Durchgangsstadtteil bleiben, Leute, die auf dem Auf- bzw. Abstieg sind, wohnen nur kurz hier. Das ist ein Problem für Stabilität der Nachbarschaft.

Wie sehen Sie die Zukunft von Kalk?

Für uns gibt es drei Teile: Den Kalker Süden, den Westen und den Norden. Wenn die Initiative StandortGemeinschaft Kalk es schafft, dass auf der Kalker Hauptstraße eine gesetzliche Immobiliengemeinschaft besteht, dann denke ich schon, dass sie für die Einzelhändler eine verbesserte Situation erreichen kann. Auch die kreative Szene, die sich in der Trimbornstraße angesiedelt hat, wird dem südlichen Stadtteil wahrscheinlich guttun. Wenn sich im Norden keiner kümmert, besteht die Gefahr, dass das Soziale und Ökonomische noch brisanter wird. Es ist kein Stadtteil, der so stabil ist, dass man ihn alleine lassen kann.


Was sind Ihre persönlichen Pläne? Geht es wieder auf die linke Rheinseite zurück?

Nach dem Projekt werde ich sicher wieder etwas machen in einem größeren stadtplanerischen Maßstab. Teilweise ist die Arbeit hier natürlich sehr kleinteilig, bis hin zur Baumscheibe. Ich bin aber sehr froh, dass ich die Erfahrungen hier machen konnte und Beteiligungsprozesse und Organisationsstrukturen von innen kennengelernt habe. Man lernt die Interessen kennen, die hinter den Leuten stehen: von Wohnungsgesellschaften und Akteuren, die von Fördergeldern abhängig sind und sich an enge Förderungsrichtlienen halten müssen. Da braucht man ein bisschen, bis man das alles durchblickt. Ich bin froh für diesen Einblick und möchte mit dem gewonnenen Wissen wieder etwas rauszoomen.